Warum wir wollen, aber nicht tun: Von der Zumutung, über den eigenen Schatten zu springen.
Warum Wollen allein nicht reicht
Über unterschiedliche Wesenskerne, Veränderung – und die Zumutung, über den eigenen Schatten zu springen
Wir sagen gern:
„Wenn man wirklich will, findet man einen Weg.“
Und ja – darin steckt Wahrheit.
Aber sie ist unvollständig.
Denn was oft übersehen wird:
Nicht jeder Mensch kann das, was er will, auch leben – zumindest nicht, ohne innerlich einen sehr hohen Preis zu zahlen.
Eine persönliche Erfahrung
Ich habe über mehrere Jahre erlebt, wie zwei Menschen dasselbe wollten – aber aus völlig unterschiedlichen inneren Logiken heraus.
Da war Liebe. Tiefe. Wahrheit. Verbundenheit und Nähe.
Und doch zeigte sich immer wieder:
Was für den einen bedeutete „Ich fühle es – also handle ich“,
bedeutete für den anderen „Ich fühle es – und lerne, damit zu leben“.
Beides ist ehrlich. Beides ist wahr. Und doch nicht kompatibel.
Lange dachte ich selbst, dass es allen so gehen müsste:
Wenn etwas so klar ist, muss es doch irgendwann gelebt werden.
Mit den beiden habe ich selbst erst erkannt:
Erkenntnis verpflichtet nicht jeden Menschen zur gleichen Konsequenz.
Unterschiedliche Wesenskerne – und warum sie mehr bestimmen, als wir glauben
Vielleicht nennen wir es Wesenskern.
Oder innere Architektur.
Oder psychische Grundstruktur.
Gemeint ist das, was uns trägt, lange bevor wir bewusst entscheiden:
wie wir mit Angst umgehen
wie viel Ambivalenz wir aushalten
ob Erkenntnis automatisch nach Handlung ruft
oder ob Stabilität wichtiger ist als Stimmigkeit
Diese Strukturen sind nicht gut oder schlecht. Aber sie sind sehr real.
Und sie lassen sich nicht einfach überschreiben – auch nicht durch Einsicht, gute Absichten oder Liebe. Und ehrlich: das bricht mir das Herz, denn ich glaube an die Liebe und will das auch weiter tun. Soll die wahre Liebe nicht jegliche Hindernisse überwinden können?
Die Antwort ist: Für manche ja. Für andere nein. Für wieder andere jein.
Beziehung - und jede Veränderung - kann nur gelingen, wenn es nicht bei Gefühl und Wollen bleibt, sondern sich Wille in Handlung überträgt. Mit allen Konsequenzen.
Auch nicht zu handeln ist eine Handlung.
Wollen ist nicht gleich Können – und doch ist das kein Freischein für Stillstand.
Dass Wollen allein nicht reicht, ist kein Aufruf zum Stillstand.
Im Gegenteil.
Es ist ein Aufruf zur Ehrlichkeit:
Was brauche ich wirklich, um Veränderung zu leben – ohne mich zu zerstören?
Für sehr viele Menschen – vermutlich für die Mehrheit – ist die Antwort: Unterstützung.
Nicht, weil sie schwach sind.
Sondern weil ihre innere Struktur Sicherheit braucht, um Bewegung zuzulassen.
Veränderung darf langsam sein.
Behutsam. Schrittweise.
Und sie braucht einen Raum, in dem Angst da sein darf und gehalten wird, statt alles zu blockieren.
Und ja: Jeder Mensch kann sich verändern.
Auf seine Weise.
Wenn er den Mut hat, ehrlich zu sich zu sein. Und wenn er bereit ist, die Arbeit zu tun, die Veränderung wirklich kostet.
Ich sage oft und gerne: Veränderung darf leicht sein. Damit meine ich aber nicht, dass sie es persé ist.
Sondern ich meine, dass wir es uns leichter machen dürfen. Indem wir uns Unterstützung holen. Das ist keine Schwäche, sondern Stärke.
Anpassung hat ihren Preis
Manchmal passiert es schleichend und geht lange “irgenwie” gut: „Es ist nicht das Leben meiner Träume, aber es ist ein Leben, das ich tragen kann.“
Doch wer ehrlich hinschaut spürt, dass er oder sie an der eigenen Wahrheit vorbei lebt. Und wer zu lange nicht hinschaut, zahlt einen Preis:
innere Verbitterung
wachsender Frust
Angst, die sich vergrößert
innerer Stress, der sich in Schlaflosigkeit und innerer Anspannung oder auch Lethargie äussert
ein Lebensgefühl, das sich immer enger anfühlt, pflichterfüllend und strukturell sicher, doch schon lange nicht mehr erfüllend.
Das passiert nicht plötzlich, sondern als schleichender Verlust an Lebendigkeit.
Als Bedauern darüber, zu funktionieren, aber sich nicht mehr wirklich lebendig zu fühlen.
Die bittere Wahrheit.
Ja, die ist ernüchternd.
Studien aus der Persönlichkeitspsychologie, der Bindungsforschung und der Veränderungsforschung zeigen seit Jahren ein ähnliches Bild:
Einsicht führt nicht automatisch zu Handlung.
Menschen unterscheiden sich fundamental darin,
wie viel innere Ambivalenz sie aushalten,
wie sie Angst regulieren,
und ob Erkenntnis bei ihnen Druck zur Veränderung erzeugt – oder eher Anpassung.
Gerade Personen mit stark stabilitätsorientierten oder vermeidenden Mustern können sehr klar benennen, was nicht stimmt – und dennoch über Jahre unverändert weiterleben. Nicht aus Unehrlichkeit.
Sondern weil ihr Nervensystem Sicherheit höher bewertet als Stimmigkeit.
Die Forschung zeigt auch:
Nachhaltige Veränderung geschieht selten abrupt.
Sie braucht innere Sicherheit, Unterstützung und oft einen langsamen, gut begleiteten Prozess.
Wollen allein reicht fast nie.
Wahrheit führt nicht immer zu Erfüllung.
Die beiden Menschen, von denen ich eingangs sprach, haben sich schließlich getrennt.
Nicht, weil sie sich nicht liebten. Sondern weil sie auf Dauer nicht dasselbe Leben führen konnten.
Einer von beiden lebte in einer festen Partnerschaft und konnte sich nicht lösen: “Ich will dich nicht verlieren. Aber ich kann das andere Leben jetzt auch nicht verlassen.” Aus “nicht jetzt” wurden mehrere Jahre.
Wenn sich zwei Menschen begegnen, von denen dem einen Wahrheit als Idee reicht, während der andere sie leben muss, kann zwar viel Nähe und Anziehung entstehen. Aber selten Zukunft.
Die Person, für die Klarheit und Wahrhaftigkeit existenziell ist, hat irgendwann ihre Angst vor Verlust und vor dem „Nicht-genug-sein“ überwunden – und einen Schlussstrich gezogen.
Nicht aus Härte. Sondern aus Selbstfürsorge und wohl auch Schutz.
Was danach geschehen wird, ist offen.
Doch klar ist auch: Ohne Veränderung an irgend einer Stelle wird sich nichts auch an anderer Stelle nichts verändern können.
Der Motivationstrainer Christian Bischoff sagte in seinen frühen Vorträgen einmal:
„Du kannst aus einem Schwein kein Rennpferd machen.“
Der Satz ist provokant. Und er trifft einen wahren Kern.
In kleinen Schritten ist Veränderung für jeden möglich – mit Unterstützung, mit Mut und ehrlicher Begleitung wird es leichter. Doch auch das ist wahr: Jeder Mensch kann sich nur so weit verändern, wie es für ihn erträglich ist.
Und manchmal besteht Reife nicht darin, jemanden mitzunehmen.
Sondern darin, weiterzugehen.
Kein einfacher Weg. Aber einer, der auf Dauer heilt.
#itsnowornever