Der Italiener, der einfach nur freundlich begrüßte

Sommer, Sonne, Missverständnis

Neulich beim Italiener. Meine Freundin und ich machen Mittagspause und marschieren zielstrebig zu unserem Italiener an der Ecke. Die Sonne scheint, es ist warm und folglich sind wir an diesem Junitag nicht die einzigen CO2-Hungrigen, die es ins Freie zieht. Die zahlreichen Tische auf der großzügigenTerrasse sind bis auf wenige Ausnahmen voll besetzt. Schnell erspähen wir unseren Lieblingsplatz und nehmen unsere Plätze an dem noch nicht abgeräumten Tisch ein.

Wenig später erscheint der italienische Chefe und begrüßt uns lächelnd mit einem “Bongiorno, belle Signorinas!” Meine Freundin schaut ihn an und erwidert mit einem kessen Lächeln: “Und dann wollten Sie noch sagen, dass Sie diese Gäste ganz besonders lieben, die sich direkt an noch unaufgeräumte Tische setzen, nicht wahr?” Unser Chefe blickt ihr in die Augen, überlegt einen Moment bis er versteht, was sie gesagt hat und lächelt wieder. In seinem italienisch gefärbten Deutsch antwortet er: “Signorina, ich habe Sie nur mit “Bongiorno, belle Signorinas” begrüßt, das andere habe ich nie gesagt”,  und entschwindet beladen mit Geschirr und Brotschale in Richtung Küche.

Vom Hören und Verstehen 

Wie kommt es, dass sich in unserem Kopf im Verlauf von Gesprächen unmittelbar Geschichten zusammenbrauen?  Warum fahren wir unseren eigenen Film im Kopf, beinah unabhängig davon, was unser Gegenüber äußert?

Beinah jeder kennt die Geschichte mit dem berühmten Hammer von dem nicht minder berühmten Paul Watzlawick. Sie zeigt auf humorvolle Weise, wie wir uns in unserem Hirn etwas so lange zusammen brauen, bis es mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat. Wir erschaffen uns unsere eigene Welt und glauben, dass das die Wahrheit ist. Unsere Wahrheit, ja. Doch zur menschlichen Kommunikation gehören mindestens zwei. Und möglicherweise ist unsere Wahrheit eine andere als die unseres Gesprächspartners.

Ein sachlicher Blick zurück auf deutsch-italienische Gespräch zeigt folgendes: der Inhaber eines italienischen Restaurants hat zwei Damen, die zum Lunch aus ihrer Agentur in sein Restaurant kamen, freundlich begrüßt. Die beiden hatten sich an einen der freien Tische gesetzt, der noch nicht vollständig abgeräumt war. Nicht mehr und nicht weniger ist rein sachlich betrachtet geschehen. Selbst das Gesagt wurde klar und präzise geäußert, eine unverfängliche Begrüßung.

Doch was ist bei meiner Freundin, der Empfängerin der Botschaft, geschehen? Sie hat nicht nur wahrgenommen, was sachlich betrachtet eine sogar freundliche Begrüßung war, sondern hat interpretiert. Auf Basis ihrer Erfahrungen (ich weiß, dass sie selbst jahrelang im Service gearbeitet hat) hat sie geschlossen, dass der freundliche Empfang nicht echt sein kann, denn wenn sich ein Gast an einen unaufgeräumten Tisch setzt, nervt das. Stopp! Sie nervt so etwas. Sie hat es offensichtlich damals zu ihrer Zeit im Service aufgeregt, wenn Gäste sich prompt an die Tische setzen mussten, die noch nicht abgeräumt waren. Es hat sie auf die Palme gebracht und am liebsten hätte sie solche Leute auf den Mond geschossen. Gleichzeitig geschieht während der Interpretation noch etwas: meine Freundin hat sich automatisch in die Lage des Chefe versetzt und glaubt, ihn zu verstehen. Sie fühlt mit – und rutscht auf die Gefühlsebene. Die allein ihre eigene ist.

Kopfkino – Film ab! 

Wohl jeder hat dieses “Kopfkino” schon einmal erlebt. Manchmal muss es noch nicht einmal ein Wort sein sondern nur eine Geste, eine bestimmte Mimik, die bei dem Empfänger direkt zu einer Interpretation führt. Der Kollege runzelt die Stirn, wir interpretieren das als  vermeintlich schlechte Laune und entscheiden uns, ihn heute besser nicht anzusprechen. Ebenso könnte das Runzeln der Stirn ein Anzeichen für starke Konzentration sein oder ihn juckt etwas oder oder oder.

Fazit: Das, was wir sehen oder hören, ist selten das, was wir verstehen.

Was sagt uns das? Naja, zum Beispiel, dass wir uns unseres eigenen Kopfkinos bewusst werden und in Zukunft achtsamer kommunizieren. Übrigens: Zur Kommunikation gehört, für manchen vielleicht überraschend, auch das Zuhören. Probier es auch: einfach mal innehalten, durchatmen und Dich fragen: ist das, was ich verstehe oder sehe jetzt tatsächlich das, was mir mein Gegenüber mitteilen wollte oder interpretiere ich basierend auf meinen eigenen Erfahrungen und Erlebnissen? Das Experiment ist spannend und macht zuweilen sogar Spass, nämlich dann, wenn wir uns dabei ertappen, ziemlich tief in die Puppenkiste zu greifen.

Meine Freundin und ich hatten jedenfalls ein schönes Gesprächsthema. Dank des freundlichen Italieners, der das durch seine Begrüßung mit Sicherheit nicht beabsichtigt hatte. Oder..?

Viel Vergnügen beim Ausprobieren! Jeden Tag aufs Neue.

 

 

 

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