Alles anders. Auf einen Schlag. Und jetzt?

Natürlich weiß ich, dass alles anders werden kann, auf einen Schlag. Wissen wir ja alle. Doch wenn es dann soweit ist, wie gehen wir dann damit um?

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich über den Schlaganfall meines Vaters schreiben will. Es betrifft mich indirekt und hat doch meine Welt durch einander gerüttelt und sie gleichzeitig gerade gerückt. Plötzlich war glasklar, was wichtig ist im Leben. Da sein, zuhören, auch wenn die Sprache verschwunden ist. Und staunen über das Wunder Leben, das bei aller Grausamkeit gleichzeitig neue Möglichkeiten hervorbringt.

Diagnose Schlaganfall. Bitte was?

Plötzlich war er da, der Anruf und der Schlaganfall, Unerwartet, überraschend. Aber wer erwartet so etwas auch?

Die nackte Diagnose lautet Aphasie. Den Verlust oder die Störung der Sprache durch eine Schädigung des Gehirns, zum Beispiel durch einen Schlaganfall. Das alles lese ich, in Informationsbroschüren und im Web. Was weiß denn ich?

Auf Wikipedia findet man dazu eine Art Definition, auch sonst ist das Netz voll von Seiten über einen Schlaganfall und seine Auswirkungen. Vielleicht klingt das naiv, doch ich habe mir, bevor es in meinem nahen Umfeld passierte, keine Gedanken darüber gemacht was es eigentlich bedeutet, wenn eine Schädigung des Gehirns auftritt. Heute denke ich, dass es nahezu ein Wunder sein müsste, wenn Michael Schumacher je wieder auf die Beine käme.

Nun sitzt mein Papa, der Germanist, da und lernt wie ein I-Männchen das Schreiben und das Sprechen neu. Vieles ist gut gelaufen, er kam sehr schnell in gute Hände von Ärzten die wussten, was in so einem Fall zu tun ist. Sehr bald half ihm eine Logopädin und ein Ergotherapeut. Und doch lässt es sich mühsam und zäh an. Wenn die Worte wieder auftauchen heißt das noch lange nicht, dass sie auch bleiben. Sie kommen und sind im nächsten Moment wieder verschwunden, wie ausgelöscht.

Ich begegne einem Menschen in seinem Krankenhausbett, der elendig und irgendwie verzweifelt aussieht. Er sagt selbst, dass von einer Minute auf die nächste alles anders wurde. Von jetzt auf gleich. Alles muss er neu lernen, selbst die einfachsten Basisworte wie Messer, Gabel, Tasse oder Teller. Es ist rührend, dabei zu zu sehen. Und wunderschön, die Fortschritte zu erleben, die ohne Zweifel langsam aber sicher kommen.

Eine Stunde hat 60 Minuten und eine Minute 60 Sekunden

Es geht langsam, alles geht nun langsamer, die Schnelligkeit ist raus, ein Satz, der früher in Sekunden vollendet war, braucht jetzt seine Zeit, manchmal mehrere Minuten. Dann sitzen wir da, schauen uns an und ich warte einfach. Es sind intensive Momente, sehr präsente Augenblicke und, auch wenn sich das merkwürdig anhört und anfühlt, sind sie auch schön, irgendwie von Glück erfüllt durch die ungeheure Nähe, die es vorher, vor dem Ereignis, das von jetzt auf gleich das Leben durch einander rüttelte, so nicht gab. Manchmal sitzen wir da und schweigen, er liegt im Krankenhausbett und ich sitze auf der Bettkante, meine Hände ruhen unter seinen auf seiner Brust und die Zeit vergeht. Tick Tack. Ich verliere das Gefühl für die Zeit.

Wie kann ich helfen, frage ich mich zu Anfang. Bis ich begreife, dass ich bereits helfe. Dadurch, dass ich da bin. Bei ihm bin.

Ich stelle mir vor, wie ich positive Energie in diesen mitgenommenen Körper und Geist schicke, zusammen mit Kraft und Mut und Zuversicht und den festen Glauben an sich selbst. Nicht die Hoffnung verlieren, nicht aufgeben, das ist doch das Wichtigste, denke ich. Die Worte Zuversicht, Gottvertrauen und Liebe formen sich in meinem Kopf, immer wieder.

„Wenn es Dich erwischt, nutzen Dir auch all die positiven Gedanken vorher nichts mehr“, sagt er.

Und irgendwie hat er auch recht damit. Auch wenn ich das nicht hören mag. Ich möchte weiter daran glauben, dass gute Gedanken zu positiven Gefühlen und die positiven Gefühle zu positiven Handlungen führen. Manchmal zweifle ich und dann jage ich den Gedanken schnell davon. Ich will ihm doch mit guten Gedanken helfen und seine momentane Schwäche mit meiner Kraft unterstützen.

In dem Leben, in dem ich jetzt gerade zu Besuch bin, wird es nun viel ruhiger zugehen. Es wird anders sein als sonst, kleiner und leiser und auch bewusster. Die Worte purzeln nicht mehr so einfach heraus sondern wollen mit Bedacht gewählt werden. Von beiden Seiten.

All das hat etwas mit mir gemacht. Ich stelle das schnelle, häufig achtlose Leben in das ich häufig verfalle, in Frage. Natürlich beschäftige ich mich mit Yoga und Coaching und emphatischer Kommunikation und Menschen, die ich dabei kennen lerne. Ich stelle mir Fragen zum Leben und wie ich es so nehmen kann wie es nun einmal ist.  Und doch kehre ich oft genug zurück in die Mühle. Und doch ist es etwas ganz anderes, wenn tatsächlich etwas geschieht, das ich zunächst als ungerecht empfinde.

Funkstille. Was für ein wunderbares Geschenk – wenn man sich dafür entscheiden und sie sich bewusst gönnen kann. Einfach mal den Mund halten, nichts sagen, nichts schreiben. Für sich sein. Und dann, ganz bewusst, wieder mit anderen in den Dialog treten. Entscheidend ist die Entscheidung. Er kann es nicht mehr entscheiden, es ist jetzt so wie es ist. Verrückt, das alles ist verrückt.

Ich erfahre vielleicht zum ersten Mal wie es ist, wenn man sich wirklich um jemanden kümmert, aus vollem Herzen und voller Liebe. Ich bekomme eine Ahnung davon, warum Liebe das Wichtigste ist auf der Welt.

Mein Papa befindet sich auf einem guten Weg. Ich schicke ihm jeden Tag Kraft und wünsche ihm, dass er weiterhin an sich glauben kann und die um ihn herum sich seinem neuen Tempo geduldig anpassen und ihm Liebe und Aufmerksamkeit schenken. Auch das ist eine Kunst. Wer ist schon wirklich geduldig? Wer immer präsent? Wer immer voller Liebe?

Auch wenn es nicht perfekt wird, wird es gut werden. Was ist schon perfekt auf dieser Welt? Selbst in der Natur haben die Bäume krumme Äste. Mit Selbstliebe und der Liebe von anderen wird er hoffentlich bald wieder selbst entscheiden, wann er Funkstille möchte und wann nicht.

Das Leben ist unberechenbar, das lerne ich daraus. Klar „wissen“ wir das eigentlich, kognitiv haben wir das alles drauf,  wir lesen und sprechen so oft darüber und doch ist es etwas völlig anderes, einen solchen Einschnitt ins Leben hautnah mit zu erleben. Geschweige denn, selbst betroffen zu sein. Einmal mehr lerne ich, wie wertvoll jede Minute ist, in der wir gesund leben dürfen. Wir sollten sie auskosten. In Dankbarkeit und Liebe.

Das ist mein Mantra für das Jahr 2015: Liebe, Harmonie und Zuversicht. Und jede Minute bewusst erleben.

 

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